Montage mit Amseln, Speck-getunkte Weisheiten und die beste Saison meines Lebens…

Es ist Montag. Ich bin wie immer spät dran also renne ich zu meinem apfelgrünen Opel Corsa, werfe meine Trainingstasche auf den Rücksitz und düse los.
„Hi, hier ist Annie“ sage ich zu dem polnischen Drive-In Mitarbeiter der sogleich meine Standardbestellung fertig macht:
Einen Cheeseburger+Bacon, ein Chilliburger ohne Jalapenos und einen Nuggetburger mit extra Mayo.
Bis ich an der Trainingshalle angekommen bin habe ich die Tüte leer gegessen. Im Radio läuft “ When a man loves a woman“ von Percy Sledge.
„Das waren noch Männer“ murmel ich mit dem letzten Bissen Cheeseburger im Mund und steige aus.
19.15 bin ich im Trainingsraum. Welches Training überhaupt. Nun ja, ich bin Cheerleaderin. Bei ALBA Berlin.
Ihr stellt euch jetzt bestimmt einen Haufen aufgekratzter Mädchen vor, die sich hüpfend über den süßen Typen aus Twilight unterhalten.
Da muss ich euch enttäuschen. Wir sind Frauen.
Polizistinnen, Archäologinnen,Psychologie-Studentinnen, Immobilien-Maklerinnen  und Abiturientinnen.
Jede hat eine andere Geschichte.
Manche sind ruhiger und überlegen stets genau was sie sagen und andere sind lauter, mit teils derbem Humor.
Aber das Verblüffenste: wir mögen uns tatsächlich.Es werden Freundschaften fürs Leben sein. Einige ziehen zusammen, andere werden Trauzeuginnen sein oder Patentanten.
Ich werde später nur Jungen bekommen und daher kein Kind nach einer meiner Teammates benennen. Aber aus Respekt habe ich die Amsel in meinem Garten nach Hanna benannt. Wir beide tanzen seit 7 Jahren zusammen in diesem Team, haben schon alle Höhen und Tiefen erlebt.
Heute sind wir aber mehr Mädchen als sonst. Denn dabei sind noch 15 Castingteilnehmerinnen, die nach der Entscheidung am kommenden Samstag gerne Teil des Teams sein möchten.
Das Training ist wie immer. Es sind 34 Grad. Warm up-Dehnung-Spagat.Wir lernen 2 Tänze für die Saison 2014/2015.
Dann tanzen wir alle Tänze durch. Hab ich erwähnt, dass es 34 Grad sind?
Ja, aber was solls. Nur die Harten kommen in den Garten. Da ich manchmal nicht so hart bin, kippt meine Stimmung leicht. Mir ist warm.
Unsere Trainerin Valesca ändert das. Sie macht einen Witz, den ich hier leider nicht wiederholen kann,irgendwas mit Weißwürsten, aber alle lachen und es geht weiter.
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Während 12 von uns das Spiel für Mittwoch vorbereiten, redet Valesca mit den „Neuen“ .
6 werden heute schon vorzeitig gehen müssen, da es leider nicht reicht. Einige werden weinen, andere werden es stillschweigend hinnehmen.
Valesca ist eine echte Berlinerin mit dem Herz auf der Zunge, aber immer ehrlich und loyal. Tugenden, die heute schwer zu finden sind.
Müde fahren wir alle nach Hause .
Mittwoch. Ich sehe im Frühstücksfernsehen bei Sat1 die Zusammenfassung von Finalspiel 2 in der o2 World. Wir haben nämlich ein Timeout mit Matthias Killing, dem Moderator und Sportkommentator, getanzt.
Er hatte bei einem unserer Auftritte im Frühstücksfernsehen eine Live-Wette gegen uns verloren und wurde nun praktisch Ehren-Hupfdole.
Er kann damit bestätigen, dass es eben mehr ist als das, nämlich anstrengend und zeitintensiv. Und das ist nur ein leichtes unserer 40 Timeouts gewesen, die wir pro Saison einstudieren.
Wir funktionieren wie ein eigenes kleines Uhrwerk.Vollkommen autark organisieren wir uns selbst. Von den Entwürfen unserer Kostüme, Training, Fotoshootings, Werbung, Auftritte, Trainingslager, Videoschnitte, Presse, Choreos bis hin zum Heimspiel läuft alles selbstständig. Und mit „wir organisieren uns “ meine ich Valesca organisiert.
Und zwar fast gruselig gut. Wir sagen immer „Gebt uns nen Zettel , nen Stift und 20 Minuten und wir werden Bundeskanzlerinnen. Wir schaffen alles. „
Aber Deutschland muss noch warten. ALBA Berlin geht vor.
Ich wette, dass jeder unterschätzt, wie viel Arbeit das ist.
Von manchen wird man belächelt. Wie schwer kann das schon sein da geschminkt im engen Kostüm aufm Feld rumstehen. Und dann noch tanzen. Die eine Minute.
Und von manchen muss man sich auch einiges anhören…damit es schön in die Schublade passt. Und wenn es nicht passt wird sich halt was ausgedacht. So Gebrüder-Grimm-mäßig.
Aber wir sind mehr. Wir sind die Show. Das Bindeglied zwischen Court und Tribüne.Wir tragen den Support bis hin aufs Feld. Das optische Glamour-Gegenstück zum sehr männlichen, schnellen und testosterongetankten Spiel. Wir repräsentieren den Spaß. Die Jungs den Kampf.
Und ja, wir sind der Pausenfüller. Aber in erster Linie Teil der „gelben Wand“ der will, dass der Gegner eins auf den Deckel kriegt.
Den Deckel-Teil mag  ich persönlich übrigens am allerliebsten.
Wie immer bin ich 5 Stunden vor dem Spiel in der Halle, mache in der Kabine den Fernseher an, packe die Kostüme in den Ankleideraum und lege 36 bunt-gefüllte Donuts, die ich vorher noch besorgt habe, auf den Cateringtisch und esse den mit den blau-gelben Streuseln.
Heute ist ein besonderer Tag.Finalspiel 4.
Ich checke die wichtigsten Dinge :
Glücksunterwäsche-check
Sekt für später-check
Kinderriegel- check
Dann kann ja nix schiefgehen. Eigentlich.
Das Spiel ist vorbei. Und damit auch das letzte Spiel der Saison.
Ich gehe in die Kabine, setze mich ins Bad und weine etwas. Ich weiß nicht genau warum, denn ich bin nicht traurig, ich bin stolz. Es läuft aber….obwohl das sonst nur bei Filmen mit Hunden in der Hauptrolle passiert.
Nicole und ich gehen danach am Potsdamer Platz etwas essen. Wir sitzen bis früh um 6 in meinem Auto und reden, weil keiner nach Hause will. Wir fahren zu ihr, frühstücken und schauen ein paar Sitcoms. „Jetzt weiß ich es…. was mich gestern gestört hat.“
Die Saison war genial, Vizemeisterschaft ist genial. Aber mein Gerechtigkeitssinn hat sich gemeldet. „Es hat nicht die bessere Mannschaft gewonnen…sondern das bessere Momentum“, posaune ich weise mit Speck im Mund heraus. Nicole nickt zustimmend.
Aber wir sind beide glücklich. Und zwar aus folgendem Grund:
Ruhm berührt das Ego, ein ruhmreicher Weg berührt das Herz. Und deswegen war diese Saison so besonders. Wir haben wieder einen Herzschlag und Spieler, von denen man seinem Sohn ein Trikot kauft. Denn genau das lieben Berliner. Ehrliche und leidenschaftliche Arbeiter.
Keine Selbstdarsteller. Zusammenhalt und Identifikation. Seele halt. Menschen, die man nicht vergisst.
Und genau das ist auch bei uns wichtig. Diese Saison war für das Danceteam nicht leicht. Aber da wir genau diesen Teamspirit haben, haben wir das alles geschafft.
Und nun suchen wir Mädchen, die dazu passen.
Deswegen haben wir am gleichen Tag noch Training. Die finale Entscheidung steht an. Wer wird Samstag dabei sein, beim 1. gemeinsamen Auftritt. Im neuen Team 2014/2015.
9 sind noch da. Sie wissen es werden nicht alle genommen. Dementsprechend motiviert ist das Training. Die „Alten“ sind weniger motiviert. Das Jahr war lang. Zum Glück.
Wir dürfen früher gehen und Valesca setzt sich mit den Anwärterinnen gemütlich zusammen.
Wer dabei sein wird, erfahren selbst wir erst Samstag…
Und genau heute ist dieser Tag…
Wir stehen vor dem 40seconds, einem Club in der Berliner Mitte und warten auf den Rest. Es ist WM (Deutschland-Ghana) und CSD.
Dementsprechend verzögert sich Alles etwas. Jing erzählt mir stolz ,sie habe versucht sich die Haare wie ich zu machen. Da sie asiatisches Haar hat, sieht man davon nix, aber ich stelle mir mental Locken vor und es sieht großartig aus. Genau wie ihre praktisch nicht vorhandenen smokey eyes. Aber dafür wird es noch Workshops geben und bis zum Spurs Spiel Anfang Oktober haben wir eine asiatische Shakira deren Locken nur so hüpfen. Den Hüftschwung hat sie auf jeden Fall schon drauf.
Wir gehen in den Club und ziehen uns um. Zum 1. Mal tragen die „Neuen“ ein ALBA Kostüm. Sie strahlen.6 haben es geschafft. Damit sind wir 22.
Wir tanzen 2 neue Timeouts und werfen uns danach in Abendoutfits um gemeinsam auf die neue Saison anzustoßen und zu tanzen.
Ich sitze rechts der Gruppe, mache eine meiner berühmten Beyonce-Immitationsauftritte und setze mich danach wieder hin. Sowas ist nämlich anstrengend wenn man es gut macht.
Ich schaue mich um und bin unerwartet zufrieden. Ich habe ein großartiges Bauchgefühl. Nächstes Jahr wird der Burner, weil die Mädels um mich herum der Burner sind.
Watch out Germany, denn ich bin mir ganz sicher, das wird die beste Saison meines Lebens.
Eure Annie
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